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Wie lernen Hunde?

Hunde lernen immer. Sie tun dies bereits seit tausenden von Jahren und brauchen hierfür keine TrainerInnen. Genauso wenig muss einem Hund das Lernen erst beigebracht werden. Wenn ein Hund im Training etwas nicht zu lernen scheint, dann liegt dies in der Regel an uns und nicht am Tier. Sofern ein Hund nicht krank oder depriviert ist, wir aber der Meinung sind, dass er/sie nicht lernt, dann bedeutet dies schlichtweg, dass wir nicht richtig trainieren.


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"Sorge dafür, dass die Grenzen die des Tieres sind und nicht die des Trainers!"

Bob Bailey

Essentiell für Lernvorgänge sind Nervensysteme, Nervenzellen und Sinneszellen. Um euch an dieser Stelle diese komplexen Bausteine zu ersparen, kommen wir gleich zur wesentlichen Frage:

WIE LERNEN HUNDE?

Hunde lernen durch assoziative Lernformen (klassische und operante bzw. instrumentelle Konditionierung), durch nicht-assoziative Lernformen (Gewöhnung/Habituation, Sensibilisierung) sowie durch soziales Lernen (Nachahmung/Erkenntnis).


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DIE FÜNF LERNFORMEN

  • Gewöhnung/Habituation

  • Sensibilisierung

  • Klassische Konditionierung

  • Operante/instrumentelle Konditionierung

  • Soziales Lernen

1. Gewöhnung/Habituation

Das Prinzip der Gewöhnung kennen wir alle. Ein gewisser Reiz tritt so oft bzw. wiederholt auf, dass wir uns mit der Zeit unterbewusst an ihn gewöhnen. Bei Hunden ist es genauso: Ein regelmäßig auftretender Reiz, sofern er keine Gefahr darstellt, wird nach und nach kaum bis gar nicht mehr wahrgenommen; er wird als unbedeutend gesehen und letztendlich ausgeblendet. So ist das zum Beispiel mit dem Ticken einer Uhr oder dem Brummen eines Kühlschranks. Silvester hingegen findet zwar jedes Jahr zur selben Zeit statt, doch ist dieses eine Mal im Jahr viel zu selten, als dass sich Hunde, die sich hierbei fürchten, daran gewöhnen könnten (s. dahingehend auch meinen Beitrag zum Thema Silvesterangst).

2. Sensibilisierung

Sensibilisierung wiederum bedeutet, dass der Organismus empfindlicher auf gewisse Reize reagiert. Auch wenn sich die jeweiligen Reize wiederholen, gewöhnen sich die Hunde nicht daran und ihre Fähigkeit zu Lernen wird eingeschränkt. Ein gutes Beispiel hierfür sind Schüsse, die man ab und zu auf Spaziergängen hört. Sofern man nicht direkt in einem solchen Jagdgebiet wohnt und regelmäßige Schüsse 'normal' sind, wird sich ein ängstlicher Hund weniger daran gewöhnen und vielmehr sensibilisiert werden (was leider auch bei uns der Fall ist).

Wann gewöhnt sich ein Hund und wann wird er sensibilisiert?

Im Jahre 1970 wurde die sogenannte Zwei-Prozess-Theorie der Habituation (dual-process theory) von P. M. Groves & R. F. Thompson aufgestellt. Diese besagt, dass im Nervensystem zwei Prozesse gleichzeitig ablaufen, nämlich der Habituationsprozess und der Sensibilisierungsprozess. Je nachdem, welches System aktiver bzw. stärker ist, findet 'mehr' Habituation oder 'mehr' Sensibilisierung statt. Für uns Menschen ist das natürlich schwer einzuschätzen und noch schwerer vorauszusagen.

Meine allgemein ängstliche Hündin hat sich in den vergangenen Jahren an einiges gewöhnt, doch auf Schussgeräusche ist sie eindeutig sensibilisiert. Fällt ein unerwarteter Schuss eines Jägers während unseres Spaziergangs, ist sie dermaßen erregt, dass sie deutlich sensibler auf alles andere reagiert, auch auf andere Geräusche, die zuvor unproblematisch waren. Diese Sensibilisierung wird von Mal zu Mal intensiver und ihre Fähigkeit zu Lernen ist sehr eingeschränkt. Während sie also jedes Mal heftiger auf Schuss- oder schussähnliche Geräusche reagiert und entsprechend sensibilisiert wird (Sensibilisierungsprozess > Habituationsprozess), gewöhnen sich andere ihrer (weniger unsicheren) Hundefreunde hieran (Habituationsprozess > Sensibilisierungsprozess).

3. Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung wurde von Ivan Pavlov entdeckt. Diese Art der Konditionierung besagt, dass ein neutraler Stimulus konditioniert werden kann und so ein unkonditionierter Reflex zu einer konditionierten Reaktion werden kann. Vereinfacht gesagt: Verhalten kann gezielt verändert werden und Hunde sind nachweislich fähig zu lernen.

Ein bekanntes Beispiel klassischer Konditionierung ist das Bellen beim Läuten der Türglocke. Ursprünglich war die Türglocke ein unkonditionierter Stimulus, ein neutraler Reiz. Nachdem jedes Mal beim Läuten jedoch Besuch eintrat, verknüpfte der Hund das Geräusch mit dem Besuch und erwartet nun bei jedem Läuten Besuch und bellt entsprechend. Die Türglocke wurde ein konditionierter Stimulus; das Bellen wurde eine konditionierte Reaktion.

4. Operante/instrumentelle Konditionierung

Die operante/instrumentelle Konditionierung wurde von B. F. Skinner entdeckt. Sie zeigt, dass Hunde Verhalten, das sich für sie lohnt, nicht nur öfter zeigen (s. Thorndikes Gesetz der Wirkung), sondern dass man Verhalten auch gezielt beeinflussen und verändern kann. Hierauf basieren die Trainingsmethoden der positiven und negativen Verstärkung sowie der positiven und negativen Strafe:

Positive Verstärkung (etwas Angenehmes wird hinzugefügt → Freude)

Negative Verstärkung (etwas Unangenehmes wird entfernt → Erleichterung)

Positive Strafe (etwas Unangenehmes wird hinzugefügt → Angst, Schmerz)

Negative Strafe (etwas Angenehmes wird entfernt → Frust, Enttäuschung)

(Hier findet ihr die Trainingsmethoden nochmal ausführlicher und anhand von Beispielen beschrieben).

Wer übrigens positive Strafe im Hundetraining anwendet, erinnere ich an dieser Stelle gerne an das Tierschutzgesetz, das besagt, dass man einem Tier nicht ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Und da es alternative Trainingsmethoden gibt (siehe positive Verstärkung!), gibt es schlichtweg keinen Grund, einem Hund durch aversive Methoden physischen und psychischen Schaden zuzufügen!


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5. Soziales Lernen

Zu guter Letzt lernen Hunde auch durch sogenanntes soziales Lernen. Zum einen lernen Hunde durch Versuch und Irrtum (s. Thorndikes Law of Effect). Sie lernen aber auch durch direkte Nachahmung. Als soziale Lebewesen leben und lernen Hunde in sozialen Kontexten. Vor allem Welpen beobachten ihre Sozialpartner (quasi ihre Vorbilder) und ahmen diese nach. Aber auch wir Menschen werden gerne beobachtet und nachgeahmt.

Ein Hinweis zur Entwicklungsphase

Bezüglich der Lerntheorie ist es auch wichtig, die sogenannte kritische Phase der ersten Lebensmonate miteinzubeziehen. Eine bekannte Veranschaulichung hierfür stammt von Hubel & Wiesel (1969). Für einen Versuch wurden Katzen innerhalb ihrer ersten drei Lebensmonate für unterschiedlich lange jeweils ein Auge geschlossen. Als man die Augen später wieder öffnete, stellte man fest, dass sich aufgrund des fehlenden Nerveninputs kein Sehsinn entwickeln konnte. Diese Veränderung im visuellen Cortex (der Hirnrinde) konnte nie rückgängig gemacht werden – auch Jahre später nicht mehr! Zum Vergleich: Wenn man einer bereits erwachsenen Katze ein Auge für ein ganzes Jahr verschließt und es dann wieder öffnet, hat dies keinerlei Auswirkungen auf den Sehnerv und sie kann weiterhin sehen. Jegliche Entwicklungen in der beschriebenen sensiblen Phase sind also enorm wichtig und haben einen großen Einfluss auf das spätere Leben und Lernen.

Bei Welpen beginnt die Entwicklung der Sinne und vor allem auch die soziale Entwicklung in der vierten Lebenswoche. Da beginnen sie die Umwelt und somit Neues zu erforschen. Diese sensible Phase endet, sobald die Welpen beginnen, Neues zu vermeiden. Was sie in dieser bedeutenden Periode ihres Lebens nicht lernen, kann nicht nachgeholt werden – was entsprechend fatale Folgen für ihr weiteres Leben haben kann. Daher ist das Angst-Training mit Deprivationshunden auch so schwer (was ein deprivierter Hund ist, könnt ihr hier nachlesen – ein Artikel über die Entwicklungsphasen inklusive der kritischen Perioden findet ihr hier).


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Fazit

Hunde lernen immer – egal, ob wir gerade im Training sind oder nicht. Das müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Scheint unser Hund eine bestimmte Sache einfach nicht zu lernen, liegt es sehr wahrscheinlich an uns TrainerInnen und unserem Training – nicht am Hund. Die Lerntheorie unterscheidet zwischen fünf Lernformen: klassische Konditionierung, operante/instrumentelle Konditionierung, Gewöhnung/Habituation, Sensibilisierung und soziales Lernen.

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