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Wieso man OHNE Schreckreize trainieren sollte


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Von aversiven Methoden mithilfe von Wasserflaschen, Spritzpistolen, Rappeldosen, Discs oder Wurfketten haben die meisten von uns bestimmt schon gehört. Vor kurzem habe ich den Einsatz dieser veralteten Trainingsmethode leider auch erleben müssen:


Ich laufe mit meiner Hündin spazieren und wir treffen auf einen Hund aus der Nachbarschaft. Der Hund ist friedlich, möchte meine Hündin begrüßen. Ich frage also die Besitzerin, ob Bonnie ihrem Hund hallo sagen dürfe; sie stimmt zu. Ihr Hund freut sich und fiept kurz vor Freude. Während Bonnie und ich uns direkt in den süßen Junghund verlieben, kommt von der Halterin plötzlich ein zischendes "tschhhhh" und sie bespritzt ihren Hund mit Wasser. - Ich weiß nicht, wer sich mehr erschrocken hat, ihr Hund, mein Hund oder ich selbst.


Ich frage, was eben passiert sei. Ihr Hund hätte keinen Laut von sich geben dürfen. Hierauf möchte ich gar nicht näher eingehen. Vielmehr bin ich frustriert darüber, dass ich erneut auf eine Hundehalterin treffe, die an den/die falsche/n Trainer/in geraten ist. Unschuldig frage ich also nach der Trainingsmethode und dem Gebrauch der Wasserflasche. Ganz einfach, erklärt sie, sobald ihr Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, bespritzt sie ihn mit Wasser.

Ich gebe Hundehaltern nicht ungefragt Ratschläge, aber in dem Fall hat mich die Besitzerin direkt gefragt, ob wir nicht zusammen laufen und dabei ihren Hund trainieren können. Klar, meine ich, aber die Wasserflasche darf nicht zum Einsatz kommen solange meine Hündin und ich unmittelbar nebendran laufen.

"Wieso? Das tut dem Hund doch nicht weh?"

Nein, es tut nicht weh. Aber es ist ein Schreckreiz. Den Hund ohne Vorwarnung mit Wasser anzuspritzen ist eine Form von positiver Strafe. Dies bedeutet, dass man dem Hund absichtlich etwas Unangenehmes hinzufügt, er sich entsprechend erschrickt und regelrecht eingeschüchtert wird.

Der besagte Hund duckt sich vor Angst, beginnt zu zittern und scheint gar nicht zu wissen, woher, und vor allem WARUM, plötzlich Wasser auf ihn gespritzt wurde. Ich frage die Halterin, ob sie bereit wäre, den Hund nicht in dieser Form zu bestrafen, sondern mit positiver Verstärkung zu arbeiten.

"Wieso anders trainieren? Das mit der Wasserflasche funktioniert doch. Mittlerweile benutzte ich sie auch gar nicht mehr - dass ich sie dabeihabe, reicht schon."

Aha. Die Wasserflasche auf jedem Spaziergang dabei zu haben gibt der Halterin Sicherheit, gut. Aber dem Hund? Der hat den ganzen Spaziergang über Angst, dass die Wasserflasche zum Einsatz kommt und versucht alles zu vermeiden, was Frauchen nur als 'falsch' bezeichnen könnte. Da läuft er also eingeschüchtert neben ihr her, während sie ihn eingehend beobachtet und die Wasserflasche fest in ihrer Hand hält - jederzeit bereit, Wasser auf ihren Hund zu spritzen.

Da ein Hund bei jedem Einsatz eines solchen Schreckreizes eingeschüchtert wird (und hierzu zählen eben auch das Werfen von Rappeldosen, Discs, Ketten oder der Leine), erscheint diese Methode für den/die Halter/in erfolgreich zu sein. Klar, der Hund bekommt ja auch einen Schrecken und stellt das derzeitige Verhalten sofort ein. Aber die langfristigen Konsequenzen von Schreckreizen sind ihnen nicht bewusst:


  • man zerstört nach und nach das Vertrauen zwischen sich und dem Hund

  • der Hund wird immer zurückhaltender und unterwürfiger

  • der Hund wird nicht 'trainiert'


Wenn überhaupt erfährt der Hund eine Fehlverknüpfung. Zum Beispiel könnte der Hund den Einsatz der Wasserflasche mit meiner Bonnie verknüpfen, weil sie in dem Moment auf ihn zukam, während Frauchen Wasser auf ihn spritzte.

... Also dann Training ganz ohne Strafe?


Nein. Training ohne Strafe funktioniert nicht bzw. ist gar nicht möglich. Aber es ist ein Unterschied, ob man positive oder negative Strafe einsetzt. Bei positiver Strafe wird der Hund eingeschüchtert, erschreckt, schlimmstenfalls sogar körperlich wehgetan. Bei negativer Strafe geschieht das nicht; dem Hund wird lediglich etwas Angenehmes entzogen. Zum Beispiel bekommt er nicht die Belohnung (Spielzeug, Futter, usw.), die er gerade haben möchte. DANN lernt der Hund, dass sich das derzeitige Verhalten nicht lohnt und er wird ein anderes (das erwünschte) Verhalten zeigen. (Die ergänzende Methode der positiven Bestätigung wird hier erklärt).

Natürlich vertraut man auf ausgebildete HundetrainerInnen - und wenn unerfahrenen Hundehaltern zu bestimmten Methoden geraten wird, werden diese auch meist so angewendet. Aber spätestens wenn man seinen Hund ängstlich/panisch/unterwürfig/etc. bei Einsatz der jeweiligen Methode sieht, setzt doch Herz und Verstand ein und man fragt sich, ob man das wirklich so machen möchte und ob es nicht auch anders gehe.

"Um Schreckreize als effektive Trainingsmaßnahme einzusetzen benötigt man drei Fähigkeiten: ein tiefes Verständnis des Hundeverhaltens,

ein tiefes Verständnis der Lerntheorie

und tadelloses Timing.

Und wenn man alle drei hat, dann braucht man keine Schreckreize."

Dr. Ian Dunbar

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